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Mein Corona Tagebuch

12.03.2020

Wägen Sie ab, was Ihnen im eigenen Alltag so wichtig ist, dass Sie darauf in den nächsten zwei bis drei Monaten nicht verzichten wollen – sei es der Clubbesuch, die Geburtstagsfeier im familiären Kreis oder die Vereinssitzung.“ (Gesundheitsminister Jens Spahn, 9. März 2020)

Manfred unterdrückte ein Lachen, als er diese freundliche Aufforderung des Ministers in der Tageszeitung las. Schließlich saß er gerade im Wartezimmer des Arztes, der ihn auf den Covid-19-Virus testen sollte. Von nichts anderem sprachen die Leute in diesen Tagen als von Corona. Der Name des Virus könnte auch der einer Schlagersängerin sein. „Und auf der Startnummer 16 kommt Corona mit ihrem neuen Hit 'Du oder keiner'!“, hätte es bei Dieter Thomas Heck geheißen. Und fortan hätten alle diesen Wurm im Ohr. Stattdessen fürchteten alle den Virus in der Lunge. Manfred nicht. Im Gegenteil: Falls er positiv getestet wurde, wüsste er jetzt schon genau, worauf er liebend gern verzichten könnte. Zum Beispiel den 50. Geburtstag seiner Frau Michaela (Bata Illic lässt grüßen), den er nur wegen seiner Tochter Anna besuchen würde. Aber villeicht würde die Party ja sowieso abgesagt werden – wegen Corona. Die war zwar nicht eingeladen, wurde aber wie überall als ungebetener Gast gefürchtet. Ein Gast, dem manche nur noch mit Atemmaske und Desinfektionsspray begegnen zu können glaubten.

So ist das mit dem Volksfieber: 1986 kauften wir alle Geigerzähler, 2006 waren es Deutschlandfähnchen und Schlandtaschen, 2010 Vuzuelas und jetzt halt das. Er stellte sich vor, wie alle Gäste auf Michaelas Party mit Mundschutz und Sprayfläschchen in der Handtasche kämen. Und gratuliert würde natürlich ohne Händedruck, Umarmung und Küsschen. Wie gratulierte man jemandem ohne diese sichtbaren Zeichen der Zuneigung? Selbst Heuchler taten das, um ihrer geheuchelten Sympathie Ausdruck zu verleihen. Nein, er war froh, nicht dort erscheinen zu müssen. Stattdessen erschien jetzt das Gesicht der Sprechstundenhilfe im Türrahmen des Wartezimmers: „Der Nächste bitte!“

16.03.2020

Virale Effekte

Der Virus hält uns auf Distanz, doch im Internet rücken wir uns auf die Pelle, überschreiten die Grenzen des Privaten; im Netz verbreitet sich ein virtueller Virus: sabbernd, geifernd, hasstriefend, schleimend; auch anschmiegsam und kuschelig, wenn es die eigene Peer Group ist. Da ist nichts mit gesunder Distanz in den so genannten sozialen Medien. Da gibt es nur liken und disliken, befreunden und entfreunden, blocken und zulassen. „X hat dich eingeladen, seine Seite mit gut zu bewerten“. Plötzlich sind alle Kommentatoren, „Y hat deinen Beitrag kommentiert“. Würde Y das auch im Gespräch unter vier Augen tun? „Deine Freunde haben schon eine ganze Weile nichts mehr von dir gehört“, werde ich auf Facebook erinnert. Hä?? Wird Facebook jetzt zum Hearbook oder habe ich mich da verhört pardon: verguckt? Früher habe ich einen Freund angerufen, um zu hören, wie es ihm geht. Heute poste ich auf Facebook ein Foto mit Kommentar, um gleich allen Freunden zu zeigen, wie es mir geht. Die dürfen mir dann antworten, am besten mit einem Emoticon! Um ehrlich zu sein (auch eine blöde, gedankenlose Floskel) ist mir der reale Virus lieber – denn selbst wenn ich auf Distanz gehen muss, bleibt mir ja noch die reale Geste: der zugeworfene Handkuss!

17.03.2020

Foto im GA 14./15.3.2020, Bildtext: Muss wegen Corona sein REX schließen: Dieter Hertel zieht im leeren Kinosaal den Vorhang zu)

Die Stuhlreihen sind leer, die Leinwand weiß. Der Mann in schwarzer Jacke auf weißem Shirt legt die Hände an die Vorhänge. Noch ein feuchter Blick durch die randlose Brille, dann wird er den Vorhang vor dem leeren Kinosaal schließen – für wie lange, weiß er nicht, weiß keiner. Denn noch ist niemandem im Lande klar, wann die Infiziertenzahlen von COVID-19 zurückgehen. So lange bleiben Kinos geschlossen, Bühnen unbespielt, Barhocker unbesetzt und Konzertsäle leer. Stattdessen spielen sich an anderen Orten ganz neue Szenen ab, die man eigentlich bisher aus Filmen oder Berichten über weit entfernte Länder kannte: panikartige Hamsterkäufe, leere Regale, geschlossene Altenheime und – das allerdings erst zwölf Jahre her: verzweifelte Banker vor abstürzenden Kursen. Ach ja, und Menschen mit Atemmasken sind kein seltener Anblick mehr. Der Mundschutz täte übrigens manchem AfD-Politiker gut, und dem Publikum, das er bisher mit seinem vergifteten Vokabular zusetzte. Es wäre die elegante sprachliche Hygienemaßnahme: Mundschutz statt Maulkorb. Dann wird er immer noch „wohl was sagen dürfen“, aber sozusagen mit Filter. Wie wenn der Ton im Kino nicht richtig funktioniert. Da sieht man nur noch seine vor Wut weit geöffneten Augen, pardon: sähe. Denn im Kino ist ja niemand, und die Leinwand ist leer.

18.03.2020

Straßenfeger

Straßenfeger, so nannte man in den 70er Jahren Fernsehfilme, die ein Millionenpublikum gebannt an den Bildschirmen (welch ein schönes Wort im Vergleich zu Flatscreenmonitor!) verfolgte. Die Straßen blieben unterdessen wie leergefegt. Heute ist es ein Krimi namens COVID-19, die Straßen entvölkert. Gestern liefen im Fernsehen gespenstische Bilder, die leere Innenstädte in Spanien und Italien zeigten. Einzige Ausnahme war ein Rom ein alter Mann in weißer Kutte, der eine Kirche betrat, um ein stilles Gebet zu halten für die Geplagten dieser Welt und seiner Stadt: der Papst. Sein „nom de guerre“ ist ja Pontifex Maximus. Der große Brückenbauer wäre jetzt besonders gefragt, denke ich: Jemand, der die Menschen verbindet. Das tut der Virus übrigens auch: Forscher aus aller Welt arbeiten fieber(!)haft zusammen, um einen Impfstoff zu entwickeln. In Spanien stehen die Spanier jeden Abend auf ihren Balkonen, um mit lautem Beifall und Jubel dem medizinischen Personal zu danken, das rund um die Uhr arbeitet. Hand in Hand mit den Taxifahrern, die für den Transport von Coronapatienten einen kostenlosen Schichtdienst organisiert haben. Kulturelle Unterschiede zwischen den europäischen Ländern werden aber auch sichtbar: Während in Frankreich Rotweinmangel herrscht, reicht in Deutschland das Toilettenpapier nicht aus. Doch dieser Notstand bedeutet noch nicht, dass wir am Arsch sind.

23.03.2020

Beschränkt

Erste Ausgehbeschränkungen in Kraft“ lautet die Überschrift auf der Titelseite des Bonner General-Anzeigers am vergangenen Wochenende. Schon merkwürdig, wie sich (fast) alle Bürger einsichtig den zahlreichen Beschränkungen ihrer persönlichen Freiheiten im Alltag fügen. Natürlich ist der Grund der gemeinsame Feind Corona bzw. COVID-19. Letzteres klingt ja so wie die Decknamen für NATO-Operationen oder Manöver. Und so ist bisweilen auch militärisches und ballistisches Vokabular zu hören und zu lesen. Ein Manager eines Vermögensverwalters schrieb kürzlich, man müsse jetzt „den Finger am Abzug haben“, weil sich alles von heute auf morgen ändern könne – in der Finanzwelt. Und eine Kommentatorin im Fernsehen sagte gestern, dass unsere Regierung bei den Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens vielleicht „noch nicht die Bazooka rausholen“ würde, aber …

Es kommt mir vor wie die Floskeln der Konzerne und Politiker, die für den Klimawandel mitverantwortlich sind, man müssen eben diesen Klimawandel jetzt mit allen Mitteln „bekämpfen“. Aber nochmal zurück zu den Beschränkungen: Ich erinnere mich noch sehr gut an die entsetzten Reaktionen, als es um die Fahrverbote ging, um die Feinstaubbelastung in den Innenstädten zu reduzieren. Ein kollektiver Aufschrei der Dieselfahrer, die dann mit erhobenem Zeigefinger daran erinnerten, dass die SUVs eine viel höhere Luftverschmutzung bewirkten. Das wäre ungefähr so, als wenn jetzt ein Single auf die Familien hinweist, die eine viel größere Gefahr der Ansteckung mit Corona darstellten. Und dann vor Jahren der Aufschrei, als die Grünen einen Veggieday pro Woche vorschlugen. Nein, solche Bevormundung lässt sich der deutsche Bürger nicht gefallen! Wenn schon, dann müssen alle ran, also auch alle anderen! Das nennt man oder nannte man früher: Sippenhaft. Freiwillige Selbstbeschränkung des Einzelnen? Das würde ja bedeuten, man handelte aus Einsicht! Die könnte jetzt tatsächlich zum Zuge kommen, wenn die Ausgangsbeschränkungen dazu führen, dass wir weniger ausgehen, aber mehr in uns gehen. Und wenn wir dann wieder rausgehen, ist unsere Sicht auf die Dinge nicht mehr so beschränkt.

 

© Bodo Mario Woltiri 2020