Fußball-EM-Tagebuch, im Juni 2016

 

(während einer Auszeit in einem Franziskaner-Kloster)

 

 

12. Juni (Ankunftstag)

 

20.00 Uhr

 

im Aufenthaltsraum des Klosters, wir schauen – vor dem ersten EM-Spiel der deutschen Mannschaft – die Tagesschau, die Meldungen:

 

  • Massaker eines Einzeltäters letzte Nacht um 2 Uhr in einem Nachtclub in Orlando (Florida): 50 Tote, 53 Verletzte.

  • Zahlreiche Verletzte und ein lebensgefährlich Verletzter bei „Randale“ zwischen russischen und englischen Hooligans gestern Nachmittag, während des Spiels im Stadion und danach außerhalb des Stadions in Marseille.

  • Randale deutscher Hooligans in den Straßen von Lille (EM-Austragungsort).

  • Morddrohungen von Türken in Deutschland gegen türkischstämmige Bundestagsabgeordnete und ihre Familien – seit einer Woche stehen sie unter Polizeischutz; der Anlass: die Abgeordneten hatten für die Resolution über den Völkermord der Türkei an den Armeniern gestimmt.

 

20.25 Uhr

 

Im Anschluss an diese Nachrichten und einen 10-minütigen ARD-Brennpunkt zum Massaker in Orlando sagt die Moderatorin Karen Mioska: „Wir wünschen Ihnen nun trotz all dieser Ereignisse einen guten Fußballabend.“ (!!!) Um 21 Uhr überträgt die ARD das erste Spiel der deutschen Mannschaft – gegen die Ukraine. Das schaue ich mir natürlich nicht an, da ich die EM – genau wie die WM vor zwei Jahren – boykottiere (bis auf ein Spiel, siehe 16. Juni).

Gute Nacht Deutschland!

Nachtrag: Zitat aus einem Artikel: „Der Ball ist platt“, von Dirk Schümer, in: WELT am SONNTAG, 12. Juni 2016:

Wenn das Spielfeld keinerlei Draußen mehr kennt, wenn Macht und Geld und Medien die Regeln ohne jede Scham bestimmen, dann ist es auch kein befreiender Akt mehr, sich das Fantrikot überzustreifen. Fußball über alles wird ein totalitäres Vergnügen. Und alles Beten hilft nicht mehr. ‚Vielleicht‘, so schrieb der so körperlose wie hellsichtige Außenläufer Franz Kafka einmal in einem Brief, ‚hört der Fußball jetzt überhaupt auf‘. Wenn es je einen Moment gab, auf den die Einsicht passte, dann jetzt.“

 

13. Juni

 

Nachtrag zum 12. Juni, abends (21.30 Uhr):

Beim Spaziergang durch Wangen (vor dem Zubettgehen, während des EM-Spiels Deutschland-Ukraine) sehe ich im Schaufenster eines Waffensportgeschäftes den Werbespruch „Luftgewehre sind ein Sport für die ganze Familie – waffenscheinfrei ab 18 Jahren“. Soviel zum Thema „Waffen und USA“, das gestern im ARD-Brennpunkt natürlich auch wieder mal diskutiert wurde.

Schlagzeilen aus der Stuttgarter Zeitung vom 13. Juni:

Mindestens 50 Tote bei Anschlag in den USA / Der Fußball zeigt seine hässlichste Fratze / Berlusconi vertreibt „Mein Kampf“ (kostenlose Beilage in „Il giornale“) / Brexit-Angst macht unruhig / Der Mob gerät außer Kontrolle“

 

14. Juni

 

Noch ein Gedanke, der mir abends im Bett kommt, zu den Fußball-EM-Krawallen:

Ist es nicht erschreckend, dass alle Medien zwar kritisieren, dass die französischen Sicherheitskräfte und –systeme nicht für eine ausreichende Trennung der verfeindeten (russischen und britischen) Fanblocks – gesorgt hätten?! Und gleichzeitig kein Journalist die Frage stellt, die er doch stellen müsste: Warum ist es notwendig, Fans im Stadion voneinander zu trennen, obwohl sie doch alle zu einem „friedlichen Fußballfest“ kommen?! Es geht hier um ein Spiel! Gute Nacht, Fußballnationen!

 

16. Juni

 

Zitate aus der Schwäbischen Zeitung vom 16.6.:

 

Titelseite: Deutsche Gesellschaft radikalisiert sich

 

Aus dem Inhalt: „Während eine deutliche Mehrheit der Gesellschaft rechtsextremes Denken und Gewalt ablehnt und das Vertrauen in den vergangenen zehn Jahren gestiegen ist, seien Menschen mit rechtsextremer Einstellung immer mehr bereit, zur Durchsetzung ihrer Interessen Gewalt anzuwenden, heißt es in der am Mittwoch in Berlin vorgestellten Studie ‚die enthemmte Mitte‘ der Universität Leipzig.“

 

In derselben Ausgabe, zu den EM-Krawallen (im Bildtext zu einem Foto russischer Fans):

 

Russlands Außenminister bezeichnete die Behandlung von Fans in Frankreich (Festnahme von Verdächtigen) als ‚absolut inakzeptabel‘.“

Dazu titelt der Leitartikel (Hintergrundbericht) auf Seite 4: „Für Russlands rechte Schläger ist Fußball Nebensache“, Subline: „Manche haben guten Draht zum Kreml“

Aus dem Text: “‘Da wird zum Teil von Hooligans ein wirklich widerwärtiger Gewaltkult gepflegt, der das Gegenteil des Grundgedankens von Sport ist‘, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert auf die Frage, wie Berlin solche Reaktionen bewerte. Das solle man nicht kleinreden. Laut Seibert ist es ‚beschämend genug, dass offenbar auch Deutsche an solchen Ausschreitungen beteiligt waren.“ (!)

 

21.00 bis 24.00 Uhr

 

Habe nun doch meinen EM-Boykott für ein Spiel (Deutschland gegen Polen) unterbrochen. Es ging 0:0 aus. Unsere kleine Zuschauergruppe hat dennoch das Beste draus gemacht – wir waren die besseren Moderatoren bzw. Kommentatoren. Dieses Spiel hat mich letztlich in meinem Boykott bestätigt, den ich nun fortsetze. Zumal ich es zunehmend absurd finde, dass die Nachrichten nach dem Spiel ausgerechnet mit einer zweiminütigen Zusammenfassung eines unbedeutenden 0:0 beginnen, und erst danach (!) die erschütternde Meldung von der Ermordung einer jungen Labour-Abgeordneten gebracht wird, die sich leidenschaftlich für den Verbleib Englands in der EU eingesetzt hatte! Da kann es noch so viele EM-Spiele geben: Europa stirbt auf anderen „Schlachtfeldern“.

PS: Danach habe ich kein einziges Spiel der EM mehr gesehen.

PS 2: Ich werde auch die Fußball WM 2018 in Russland (!) boykottieren.