Mein etwas anderes WM Tagebuch 2014

Von Bodo Mario Woltiri

(ein Lesetipp für diesen Text: statt blattern bitte scrollen)

 12. Juni 2014

Mein alternatives Medienprogramm zur WM läuft bereits auf Hochtouren: vor einer Woche habe ich mit der Lektüre des Romans „Die Schneiderin von Pernambuco“ von Frances des Pontes Peebles begonnen. Schauplätze sind das Landesinnere der Provinz Pernambuco und deren Hauptstadt Recife – einem der WM Spielorte.

Und bereits vorgestern, am 10.7., habe ich auf Arte die bewegende Dokumentation „Rio – Kampf um Frieden“ über die Favelas gesehen.

Heute – parallel zum Eröffnungsspiel – lief dann auf 3SAT in „die Anstalt“ ein excellentes Kabarett-Programm zum Thema FIFA und WM! Ebenfalls heute erschien in der Süddeutschen Zeitung ein bissiges Feature über Franz Beckenbauer anlässlich der aktuellen Korruptionsvorwürfe: „Franz Wurst“.

17. Juni

Gestern hat Deutschland gespielt. Eine echte Bewährungsprobe für meinen FIFA-WM-Boykott (ich muss unbedingt noch nachschlagen, wo das Wort Boykott herkommt). Also hier meine Rückschau auf gestern Abend:

Montag, 17.20 Uhr: Ein Kollege schaut im Weggehen noch kurz bei mir rein: „So, dann wollen wir mal sehen, wie ‚wir‘ spielen, ich geh‘ jetzt zum Public Viewing in die Heiland-Gemeinde.“ Ich sage ihm, dass ich gar nicht WM gucke, auch nicht im TV, sondern dass ich die WM wegen der FIFA boykottiere. Er wünscht mir „trotzdem einen schönen Abend“ – den werde ich haben.

17:30 Uhr: Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad. Schon im Landgrabenweg in Bad Godesberg kommt mir eine lange Blechlawine entgegengekrochen. Wollen die alle zum Public Viewing? Den Rest des Wegs wird es dann relativ einsam – auf dem Radweg. Als ich jedoch die Südbrücke hinauffahre, sehe ich unter mir, wie ganze Heerscharen (von Schlachtenbummlern!), teils in D-Trikots, teils mit Fähnchen oder Fahnen (die Alkoholfahnen folgen erst später) sich zum „Rudelgucken“ in die Rheinaue begeben.

Zuhause angekommen, ist es dann auch auffällig ruhig, bis auf die Aufschreie ringsum (es müssen wohl vier gewesen sein, da wir – wie ich später erfahre – 4:0 gegen Portugal gewonnen haben). Ich gebe zu: Anfangs befiel mich ein bisschen Wehmut, nicht auch zu gucken und zur großen Gemeinschaft zu gehören (das fühlt sich ein bisschen an wie Silvester alleine bleiben, dauert aber zum Glück nicht so lange). Aber dieses aufkeimende Gefühl bekämpfe ich erfolgreich, indem ich mich dusche und dann an unsere Online-Steuererklärung begebe. Die dauert, weil ich es zum ersten Mal online mache, etwas länger. Nach einer halben Stunde habe ich mich erfolgreich angemeldet – mit dem per Post zugesandten ID-Code und dem Elster-Zertifikat. Warum heißt das Steuer-OnlineProgramm bloß „Elster“? Ist das Finanzamt ein räuberischer Vogel? Nachdem ich eine Stunde mit der Steuererklärung verbracht habe (es reichte gerade für das Hauptformular), gönne ich mir im TV (gottseidank startet der Receiver mit SuperRTL – was haben meine erwachsenen Kinder da eigentlich noch zu gucken? – und nicht auf dem Ersten, wo ja heute die WM läuft!) Ich habe mir eine Sendung auf 3SAT ausgesucht (die haben ein schönes Alternativprogramm namens „die Film-WM“): den Zweiteiler „Der Aufschneider“, in dem Josef Hader einen Pathologen spielt. Köstlich!

21. Juni 

Neue Rituale

 

Ein Leserbrief als Glosse, abgeschickt an die ZEIT

Aus einem ZEIT Artikel in der Ausgabe vom 5. Juni mit dem Titelthema „Neue Rituale – Suche Segen ohne Gott“: „Es fröstelt mich, wenn ich lese, dass Gesellschaften angeblich Rituale brauchen, um ihre Mitglieder auf eine gemeinsame Idee einzuschwören, über die im Detail nicht mehr verhandelt werden kann.“

Dies schreibt die Autorin Stefanie Flamm – und meint damit die christliche Taufe. Dazu stellt sie fest: „Fürs neue Bürgertum gehört die Taufe wieder dazu.“ Nun ist die Taufe „weißgott“ kein inhaltloses und erst recht kein unhinterfragtes Ritual; vielmehr stellen hier Menschen ihr Kind – oder in der Erwachsenentaufe sich selbst – bewusst unter den Segen Gottes. Und selbst dort, wo dies aus Motiven einer „neuen Bürgerlichkeit“ geschieht, kann es ja niemandem schaden (vielleicht gibt es Gott ja doch…).

Anders als bei Frau Flamm fröstelt es mich nicht bei der Ausübung kirchlicher Rituale (höchstens das lautlose Ritual der Film- und Fotoaufnahme durch eventgeile Smartphone-Christen), sondern bei einem Ritual, das momentan 31 Festtage lang weltweit und besonders hierzulande Millionen Menschen zu andächtigen Massenversammlungen zusammenschweißt.

Heute, am Abend des 21. Juni 2014, wird dieses Ritual – für das übrigens vor Wochen bereits der deutsche Bundesrat Ausnahmen zu den Lärmschutzregelungen beschlossen hat – heute also wird dieses Ritual wieder überall in Deutschland vollzogen. Heerscharen von Gläubigen (von den Besucherzahlen können christliche Kirchengemeinden nur träumen) pilgern – in schwarz-rot-goldene Gewänder gekleidet oder mit ebensolchen Fahnen ausgestattet – zu den Kultstätten, an denen überdimensionale Schautafeln bereits Bilder zeigen von der heiligsten aller Kultstätten an diesem Tag: dem Stadion in Fortaleza. Hier spielen heuten Abend zwar nicht die zwölf Apostel, dafür aber die elf Auserwählten. Sie spielen auf dem heiligen Rasen – dessen Original übrigens im Mutterland dieser Weltreligion liegt, in England – und sind Diener eines weltweit operierenden Gottesstaates ohne Gott: der FIFA. In deren Auftrag wurden bereits rund 1.200 Sklavenarbeiter auf dem Altar des Fußballgottes geopfert. Ihr Blut fließt ein in den Bau der nächsten auserkorenen Kultstätten in einem islamisch geprägten Fürstentum, das – Allah sei Dank – viel Verständnis hat für Opferriten. Sogar der deutsche „Kaiser“ hat schon vorab seinen Segen dazu gegeben.

Allerdings fehlt diesem weltweit alle vier Jahre – und dazwischen in jedem Land individuell an arbeitsfreien Wochenenden – zelebrierten Ritual im Gegensatz zur christlichen Taufe ein entscheidendes Merkmal: der Inhalt beziehungsweise die „gemeinsame Idee“ (wie Frau Flamm es so treffend benannt hat). Aber das kann man von einer mit Luft gefüllten Kugel ja wohl nicht ernsthaft erwarten.

© B.M.W. 21. Juni 2014

 

25. Juni

Gestern Morgen vor Arbeitsbeginn: Eine Kollegin erwähnt vor anderen Kollegen, dass es ja auch Leute gebe, die nicht Fußball gucken, „zum Beispiel Herr Woltiri“. Darauf ein Kollege: „Da ist er nicht der Einzige.“ „??“ „Wir haben keinen Fernseher.“

Abends die Mails abgerufen. Dabei war eine Antwort von Stefanie Flamm, der ZEIT-Autorin, deren Artikel ich als Aufhänger für meine Glosse genommen habe (s. Eintrag vom 21.6.).

1. Juli

Letzte Nacht von halb zwölf bis Mitternacht wachgelegen – meine Frau auch – und gelauscht, ob wir Torjubel in der Nachbarschaft hören. Deutschland spielte nämlich im Achtelfinale – Anstoß 22 Uhr – gegen Algerien. Kurz vor Mitternacht Jubel und Schreie gehört, muss wohl am Anfang der Verlängerung gewesen sein. Heute Morgen dann in den 6:30 Uhr-Nachrichten im Radio vom 2:1 nach Verlängerung gehört.

Ach ja, von wegen Brot und Spiele als Ablenkung von politischen Entscheidungen: mit den Diätenerhöhungen für Bundestagsabgeordneten wird es erstmal nichts, der Bundespräsident gibt seine Unterschrift nicht.

8. Juli

Die Abstände zwischen den Spielen werden länger, jetzt in der KO-Runde. Das Achtelfinale letzte Woche Montag (Deutschland : Algerien) und das Viertelfinale letzten Donnerstag (gegen Frankreich) nicht zu sehen, ist mir relativ leicht gefallen. Am Donnerstag kam ich abends mit dem Fahrrad zurück, als das Viertelfinale gerade zuende war. Als ich mein Fahrrad in die Garage schob, kam mein Nachbar von der anderen Seite rein und meinte: „Ich weiß zwar, dass du es boykottierst, aber ich wollte dir nur sagen: Deutschland hat gerade 1:0 gewonnen.“

Im Büro habe ich jetzt einen neuen Sitznachbarn gegenüber. Er macht sich nichts aus Fußball und guckt aus diesem Grunde auch keine WM-Spiele – wie schön.

Ich habe mich jetzt schon fast daran gewöhnt, nicht zu gucken. Ich werde es wohl vermissen, wenn die WM vorbei ist.

Übrigens habe ich kürzlich nachgeschlagen, woher das Wort Boykott kommt: von einem englischen Landgrafen namens Boycott, der von den anderen aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde. Jaja die Briten: erst erfinden sie den Fußball und dann den Boykott. 

10.07. = 1:7 

Demütigend – dieses Wort fiel nicht nur gestern Morgen in den Nachrichten, als der israelische Verteidigungsminister einen Angriff auf Gaza ankündigte. Nein, es war auch das Wort, das mir spontan einfiel, als ich in denselben Nachrichten hörte, Deutschland habe Brasilien 7:1 geschlagen. Zur gleichen Zeit werden wir – also Deutschland und die Deutschen – auf eine ganz subtile Weise gedemütigt: vom amerikanischen Geheimdienst NSA.

In drei Tagen dankt König Fußball ab und unsere Politiker gehen in die Sommerpause. Fußball adé! (dazu fällt mir ein, ich könnte mal eine Fußballade schreiben!)

PS: Habe gestern in der Bücherei das Buch „Mafia FIFA – die schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“ von Thomas Kistner ausgeliehen. Ach ja, und Höneß sitzt im Knast, während Beckenbauer immer noch frei rumläuft (nun ja, er war halt Libero!).

13. Juli

Noch eine Nacht, und dann ist der Spuk endlich vorbei. Das FIFA-System „Brot und Spiele“, das schon über 2.000 Jahre alt ist, funktioniert auch heute noch perfekt: das politische Bewusstsein – sofern noch vorhanden – wurde für vier Wochen ausgeschaltet. Immerhin: ich bin dankbar für die vielen Stunden, die ich anders nutzen konnte. Das ist auch beim heutigen Finale – das gerade 65 Minuten alt ist, während ich meine Tagebuchaufzeichnungen jetzt in den Computer schreibe – nicht anders. Alles andere erscheint mir sinnvoller, als 22 hochdotierten FIFA-Sklaven in adidas-Trikots (beide Mannschaften werden von der Firma aus Herzogenaurach gesponsert, deren Chef Horst Dassler bereits vor 40 Jahren „Pate“ stand für das mafiose System FIFA) zuzuschauen. Und die dürfen auch in acht Jahren in Katar dabei sein, zumindest solange sie das „Maul halten“, wie ihnen Kaiser Franz ja schon im Februar empfohlen hatte. Schaumermal!

PS: Der Bundespräsident hat übrigens vorgestern das Gesetz zur Diätenerhöhung doch unterzeichnet.


© Bodo Mario Woltiri 2014